07|2026

Vor einigen Jahren bekam ich eine WhatsApp von meiner Mutter. Unser Kontakt war damals schon seit längerer Zeit schwierig. Kurz zuvor hatte ich ihr einen Brief geschrieben, in dem ich ihr schrieb, wie ich mich in unserer Beziehung fühlte.
Als ich ihre Nachricht las, war ich erleichtert. Mich überhaupt auszusprechen hatte mich schon viel Überwindung gekostet. Und ich dachte: Endlich. Sie denkt an mich. Sie reagiert auf mich.
Mein Mann las dieselbe Nachricht – und wurde wütend. Wütend auf sie, weil sie mich seiner Meinung nach überhaupt nicht sah. Sie ging mit keinem Wort auf meinen Brief ein und schien vor allem mit sich selbst beschäftigt zu sein.
Dass er so anders reagierte, überraschte mich. Was hatte ich übersehen? Also las ich die Nachricht noch einmal.
Erst dann begann ich zu spüren, was eigentlich passiert war.
Meine Sehnsucht nach Liebe und Verbundenheit ließ mich nur eines sehen: dass sie mir überhaupt geschrieben hatte. Allein die Tatsache, dass sie mir schrieb, gab mir für einen Moment das Gefühl, gesehen zu werden.
Dabei hatte ich mich selbst aus dem Blick verloren.
Ich konnte meine eigenen Grenzen nicht mehr sehen – und auch nicht mehr fühlen. Ohne es zu merken, war ich in ein altes Muster gerutscht. Ich fühlte mich wieder verantwortlich für sie und ihre Bedürfnisse. Dabei verlor ich mich selbst aus dem Blick.
Dass sie überhaupt nicht auf meinen Brief eingegangen war, war mir völlig entgangen.
Mit meiner Aufmerksamkeit war ich ganz woanders stehen geblieben.
Ich hatte in ihre Worte hineingelesen, wonach ich mich so sehr sehnte.
Dieses Muster lief unbemerkt in meinem Inneren ab. Ich hatte nie gelernt, meiner Mutter gegenüber meine eigenen Grenzen wahrzunehmen oder zu fühlen. Deshalb konnte ich sie auch in diesem Moment nicht sehen. Erst als mein Mann dieselbe Situation mit anderen Augen betrachtete, wurde mir bewusst, was ich selbst nicht gesehen hatte.
Seine Wut brachte mich dazu, noch einmal hinzusehen. Ich las die Nachricht erneut – und diesmal achtete ich nicht nur auf das, was dort stand, sondern auch auf das, was in mir geschah.
Erst dann spürte ich, in welches vertraute Muster ich geraten war.
Heute weiß ich, wie wertvoll dieser Moment für mich gewesen ist. Er hat nicht nur meinen Blick auf solche Situationen verändert, sondern auch darauf, wie ich meinen eigenen Gefühlen zuhöre.
Ich habe verstanden, dass mein erster Eindruck nicht immer stimmt. Unter dieser ersten Reaktion liegen oft alte Muster und automatische Gedanken, die bestimmen, was wir wahrnehmen, ohne dass wir es bemerken.
Erst viel später, als ich begann, mich bewusst mit meinen Gefühlen auseinanderzusetzen, konnte ich nach und nach entwirren, was sich eigentlich in mir abspielte.
Mir wurde langsam bewusst, wie wenig gesehen ich mich von ihr fühlte. Wie ich immer wieder nach Bestätigung und Verbundenheit suchte, die ich dort nicht fand. Wie mein großes Verantwortungsgefühl mich dazu brachte, ihre Bedürfnisse wichtiger zu nehmen als meine eigenen. Und wie Loyalität und der Wunsch, sie zu schützen, mich davon abhielten, überhaupt anzuerkennen, was mir selbst so lange gefehlt hatte.
Zurück blieb oft ein schwer zu beschreibendes Gefühl von Leere und Verwirrung.
Früher wollte ich immer verstehen, warum Menschen etwas taten – oder eben nicht. Ich hatte das Gefühl: Wenn ich es nur verstand, konnte ich etwas daran ändern.
Doch am Ende half mir etwas ganz anderes:
Ich lernte, öfter innezuhalten. Meinen Gefühlen Raum zu geben. Mich ehrlich zu fragen, was eigentlich in mir geschah, ohne sofort nach einer Erklärung zu suchen oder das Verhalten des anderen verstehen zu wollen.
Dieser Moment, der inzwischen viele Jahre zurückliegt, wurde zu einem Wendepunkt. Rückblickend hat er vieles in Bewegung gesetzt.
Vielleicht denkst du jetzt: So war meine Mutter nicht.
Das kann natürlich sein.Aber es geht eigentlich nicht um Mütter.
Es geht um diesen Moment, in dem jemand anderes etwas in deinem Leben oder in einer Situation sieht, was du selbst nicht sehen oder fühlen konntest. Weil dein Blick von einem unbewussten Muster geprägt war. Von einer Sehnsucht oder einem Mangel, der dich vielleicht schon seit deiner Kindheit begleitet.
Und manchmal ist es nicht nur Sehnsucht, sonder auch Schutz.
Ein Teil von dir hält das, was tatsächlich gesagt oder getan wurde, auf Abstand, weil es sich in diesem Moment einfach zu schmerzhaft oder zu beängstigend anfühlt.
Vielleicht kennst du das auch aus deiner eigenen Familie.
Ein Telefonat, nach dem du dich wieder kleiner fühlst oder etwas in dir aus dem Gleichgewicht gerät, ohne genau sagen zu können, warum. Ein Gespräch, bei dem dir erst hinterher auffällt, dass du die ganze Zeit mit dem beschäftigt warst, was der andere brauchte, und nicht mit dem, was in dir geschah.
Manchmal lesen wir nicht, was dort wirklich steht, oder hören nicht, was tatsächlich gesagt wird. Wir lesen und hören das, wonach wir uns so sehr sehnen.
Und so unangenehm diese Erkenntnis im ersten Moment auch sein kann – sie hilft uns oft, besser zu verstehen, was wirklich in uns geschieht.
Wo liest du vielleicht auch eher das, was du dir wünschst oder erhoffst, als das, was tatsächlich da ist?
Es braucht keine Lösung.
Nur den Mut, ehrlich hinzusehen und zu fühlen, was darunter liegt. Genau dort beginnt etwas Neues: Alte Muster verändern sich, deine Grenzen werden wieder spürbar. Sodass du Schritt für Schritt dir selbst wieder näher kommst und dich mehr verbunden fühlst mit dir selbst 💛.
PS: Wenn du Fragen dazu hast oder etwas teilen möchtest, würde ich mich sehr freuen, von dir zu hören. Schreib mir gerne eine E-Mail oder eine Nachricht.
{Fotocredits: Vielen Dank an Priscilla du Preez | Unsplash}
< zur Übersicht